wir-noesner-wappen1108Ein Beispiel: Wertvolles Bistritzer Kirchengestühl renoviert

„Ein vergessenes Juwel wurde gerettet." Dies war das Fazit von Stadtpfarrer Johann Dieter Krauss bei der feierlichen Präsentation des Ergebnisses eines außergewöhnlichen Restaurationsprojektes im Bistritzer Kreismuseum am 31. März 2012.

 

„Ich stehe vor einem Wunder und danke Gott."

Ein besonders wertvolles Kirchengestühl von 1508 aus der Evangelischen Stadtpfarrkirche wurde im Raum „Schätze" feierlich erstmals dem breiten Publikum vorgestellt. Initiator war vor Jahren Dr. Hans Franchy, der den Rotary-Club Bistritz-Nosa als potenten Partner für eine wahre Rettungstat anregte.

 

Dessen Präsident Viorel Ioan Inţa und Projektmanager Gheorghe Florin Iliescu begrüßten die hochrangigen Gäste, unter ihnen Landesbischof Reinhart Guib und Bürgermeister Teodor Ovidiu Creţu. Sie dankten den Sponsoren, ohne deren Mittel das Restaurierungsprojekt so nicht hätte umgesetzt werden können. Beteiligt waren neben dem Rotary Club mit 1.000,00 Euro die Banca Transilvania (3.000,00 Euro), Kuratorin Katharina Borsos (1.000,00 Euro) und Michael Weihrauch, FBS GmbH, aus Nürnberg (1.000,00 Euro).

 

Die Feierstunde wurde zum wegweisenden Plädoyer für die Erhaltung siebenbürgisch-sächsischen Kulturerbes. Dass wir Siebenbürger Sachsen in Siebenbürgen wertvolle Kulturgüter geschaffen haben, ist bekannt. Dabei denken wir zunächst reflexartig an die zahlreichen siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen. Jedoch umfasst das siebenbürgisch-sächsische Kulturgut weit mehr als wertvolle architektonische Denkmäler. Dazu gehört auch ihr kostbares Inventar, dazu gehören Museen, Archive, Bibliotheken, ...

 

Sind diese Kulturgüter alle vor dem Verfall, vor der Zerstörung, vor dem Vergessen zu retten?

Alle sicherlich nicht. Jedoch viel mehr, als manche uns glauben machen wollen. Allerdings müssen dafür einige günstige Bedingungen erfüllt werden. Die für mich entscheidende Bedingung ist, dass unsere Nachfolger vor Ort, die Bevölkerung, die Institutionen des rumänischen Staates, die Behörden, maßgebende Personen, dieses Kulturgut auch retten wollen, dafür Mittel zur Verfügung stehen, dafür Mittel rechtzeitig eingesetzt werden.

 

Diese Herkulesaufgabe erfordert zunächst einen entscheidenden Bewusstseinswandel: Auch dieses siebenbürgische Kulturvermächtnis muss innerlich von unseren Nachfolgern als das ihrige akzeptiert, als besonders schützenswertes, nationales Kulturgut betrachtet werden. Ein schwieriger, ein lang anhaltender Prozess – auch auf sächsischer Seite.

 

Restaurator Sabin Pompei Grapini erläuterte zunächst die technischen Details der Restaurierung des Renaissancekirchengestühls von 1508 während der letzten zwei Jahre (in Klausenburg) und hob den hohen künstlerischen Wert des Gestühls hervor. Vom jahrhundertealten Unrat befreit, zeigt das Lehngestühl mit seinen sieben hochklappbaren Sitzplätzen, die durch bequeme Schulterringe getrennt sind, nun ihre form- und farbvollendeten kunsthistorischen Details.

 

Die reichhaltigen prächtigen Schnitzarbeiten im Eichenholz, die bemerkenswerten farbigen pflanzlichen und tierischen Ornamente im Frontbereich verleihen diesem wahren Schatz in der Schatzkammer des Museums noble Eleganz.

 

Dr. Hans Georg Franchy dankte den Fachleuten und den Geldgebern und „drohte" allen Anwesenden, die evangelische Kirche habe ein riesiges Volumen „noch ungehobener Schätze. Was wir heute hier sehen, ist nur der Anfang!".

 

Bischof Reinhart Guib zeigte sich sehr bewegt: Er gratulierte den Initiatoren und Restauratoren und tat kund, er habe naturgemäß auch diesbezüglich beispielsweise in Südsiebenbürgen vieles gesehen, dieses restaurierte exemplarische Kirchengestühl zeige jedoch auch ihm, hier seien Experten am Werk. Und dann folgten die entscheidenden grundsätzlichen Aussagen, die über den Tag hinaus deutlich machen, wo wir uns befinden und wohin wir gelangen wollen.

 

„Die evangelische Kirche ist nicht nur die evangelische Kirche der Sachsen, sie ist die evangelische Kirche der Stadt Bistritz, die Kirche der Gemeinschaft der Menschen aus dieser Stadt, der Region. Sie ist wie ein Herz der Stadt Bistritz. Diese Kirche gehört auch euch. Diese Kirche wurde von den Siebenbürger Sachsen nicht mitgenommen nach Deutschland oder Österreich.

 

Sie wird hier bleiben als ein Emblem, als ein Symbol dessen, was eine Gemeinschaft wie die von Bistritz schaffen kann, die das wiederherstellen kann, was die Flammen zerstört hatten, das, was durch die Zeiten ihr Angesicht verändert hat. Gemeinsam kann vieles unter Gottes Segen geschaffen werden. (...) Ich möchte Sie einladen, weiter mit dem Herzen dabei zu bleiben bei unserer gemeinsamen Geschichte."

 

Bürgermeister Creţu traf den Nagel auf den Kopf, als er entgegnete: „Die evangelische Kirche war und bleibt die Kirche der Bistritzer. Wenn vor 400 Jahren ihre Besitzer die Siebenbürger Sachsen waren, ist es heute, da über 90 Prozent der Bewohner von Bistritz Rumänen sind, deren Besitz. Nicht juristisch. Sie war und ist das Symbol der Stadt Bistritz. (...)

 

Nach dem 11. Juni 2008 war es für die Verwaltung klar, dass sie dieses brennende Problem – im doppelten Sinne brennend – lösen musste. Ich glaube, dass wir in einer schwierigen Zeit leben. Ich glaube, dass wir erst in 30 bis 50 Jahren zu einer wirtschaftlichen und einer ethischen Situation gelangen, in der diese großartigen Kulturgüter der Sachsen nicht dem Verfall preisgegeben werden, wie dies z.B. mit der Kirche in Windau oder Senndorf geschehen ist.

 

Ich glaube, die Gesellschaft wird es in 30 bis 50 Jahren nicht mehr zulassen, dass so etwas geschieht." Und hier folgte der entscheidende Satz des realistischen Politikers und weitblickenden rumänischen Pfarrersohnes: „Wir müssen diese Übergangszeit sichern." Genau dies, in dieser Übergangszeit das Kulturgut sichern, erachte auch ich als entscheidend auch für unsere (siebenbürgisch-sächsischen, deutschen, österreichischen, europäischen) vielseitigen Bemühungen zur Rettung, zur Bewahrung des siebenbürgisch sächsischen Kulturguts in dieser europäischen Kulturlandschaft.

 

Wenn ich seit längerer Zeit behaupte, wir benötigen gleichgesinnte Partner vor Ort, dann hat sich hier gezeigt, wie das in Bistritz derzeit konkret zu verstehen ist. Es gilt, innerlich zu realisieren, dass viele von uns ihr Verhältnis zu „den Rumänen" grundlegend überdenken müssen und sie langfristig als Erben unserer zivilisatorischen Hinterlassenschaft in Siebenbürgen sehen.

 

Bürgermeister Creţu stellte klar: „Die HOG Bistritz-Nösen hat nach dem Brand der Kirche zu Spenden aufgerufen, um ganz anschaulich die verbrannte Uhr, die verglühten Glocken wieder erstehen zu lassen, der Rotary Club Bistritz Nösen hat ein wertvolles Kirchengestühl aus der evangelischen Kirche restaurieren lassen – in beiden Fällen ging es darum, repräsentative Objekte mit denen sich die Spender auch identifizieren können, wiederherzustellen, sie förmlich wiedererkennen zu können auch als Teil des eigenen Bemühens, helfen zu wollen.


Das ist sehr lobenswert. Die Stadtverwaltung kann es sich jedoch nicht leisten, sich einzelne herausragende Identifikationsobjekte herauszusuchen und nur diese zu restaurieren. Die städtische Administration hat die Pflicht, das Ganze im Augenschein zu behalten. Klar, wir haben derzeit den Bau des ersten Aufzugs in einem Kirchturm zwischen Moskau und Wien vorangetrieben, es stimmt, dass dies ein Vorzeigeprojekt ist, aber es bleibt nicht bei diesem werbewirksamen Projekt.


Die Stadtverwaltung hat seit dem Brand 2008 mehr als 1,5 Millionen Euro für die Restaurierung der evangelischen Kirche bereitgestellt. Alle Energien der Stadt wurden darauf gerichtet, dies ist überparteilich geschehen. Wir wissen, dass urbaner Tourismus in Bistritz ohne eine anschaubare, ohne eine besuchenswerte, ohne eine attraktive evangelische Kirche nicht möglich ist.


Jedoch reicht das nicht. Die städtische Administration muss sich auch um die gefährdete Statik der Kirchenbögen kümmern, ebenso um die Renovierung des Mauerwerkes, des Gestühls, der Fenster, der Orgel. Eine totale Renovierung bleibt das Ziel. Insbesondere, wenn wir auch an das große 450jährige Kirchenjubiläum von 2013 denken."


Da kann man diesem Bürgermeister nur zustimmen. Er ist tatsächlich ein Bilderbuchnachfolger für die sächsischen Kulturgüter. Am Ende des Festes meldete sich auch der Historiker und Direktor des Kreismuseums Bistritz-Nassod zu Wort und seine Zusammenfassung war ebenso aufschlussreich, als er betonte, dass eine „Bewusstseinsänderung der gesamten Gesellschaft" notwendig sei. „Die Geschichte der Stadt Bistritz kann ohne diese sächsischen künstlerischen und gesellschaftlichen Denkmäler nicht gedacht werden."

 

→ Bildergalerie von Florian Coşoiu


Autor: Horst Göbbel

Bilder: © Florian Coşoiu