von Michael Albert, *1836 in Trappold, †1893 in Schäßburg, bedeutender Dichter, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler.

Im weißen Linnen, glattgekämmt die Haare,

So ruht die tote Mutter in der Bahre;

Gefaltet liegen auf der Brust die Hände

 

Und Blumen schmücken rings des Sarges Wände.

„Die Mutter schläft nur", sagt man sonst dem Kinde,

Da lächelt wohl sein Antlitz still und linde; –

Wär ich ein Kind an diesem Leichenschreine!

 

„Die Mutter schläft" – ich glaub es nicht und weine;

Denn diese Hand, gebräunt und voller Schwielen,

Die liegt so starr nun in des Sarges Dielen;

Sie hat so fleißig, ach! im Schweiß und Qualme

Geschnitten auf dem Feld die goldnen Halme.

 

O teure Hand, du schufest ohn Ermatten!

Du wiegtest einst mich in der Garben Schatten;

Du schlepptest dich, daß ich gebettet liege,

Von Feld zu Feld mit mir und meiner Wiege.

Um mich der Ähren flutendes Gewimmel

Und über mir dein Auge und der Himmel,

So schlief ich ein, und auf der Wiegenstange,

Da sang der Vogel mir mit muntrem Klange.

 

O teure Hand! was im Gemüt ich nähre,

Was mir gereift in voller Geistesähre,

Das Wort, das mir im Mund gedieh zur Blüte,

Das alles dank ich heute deiner Güte.

 

Daß dies Geschick ich trage still geduldig,

Das Opfer bin ich deiner Liebe schuldig.

Ich gönne dieser Hand die Feierstunde,

Die Klage wird zum Dank in meinem Munde.


Michael Albert, *1836 in Trappold, †1893 in Schäßburg, bedeutender Dichter, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler.

 

Michael Albert studierte Theologie und Germanistik in Jena, Berlin und Wien und unterrichtete als Gymnasialprofessor in Bistritz und zuletzt in Schäßburg.