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Wir staunen über Michael Wolfs Sprache. In seiner Familie und Umgebung wurde sächsisch gesprochen. Manches Gedicht hat er in Mundart geschrieben, aber der sprachliche Reichtum seiner Gedichte wurde mit zunehmendem Alter immer größer.

 

Am Ende der 30er Jahre war Wolf bei jeder körperlichen Bewegung auf Hilfe angewiesen. Es zeichnete sich allmählich ab, dass seine Zeit bemessen sein würde. Sein Blick, seine Gedanken und seine Gedichte zeugen von Reife, die er mit seinen noch nicht 30 Lebensjahren erreicht hatte. Ein Beispiel dafür ist das Gedicht ...

 

Siebenbürgisches Bauernhemd

Im weißen Hemd, das ich dir gestickt, halt ich dich liebend an die Brust gedrückt.

Rosen und Nelken hab ich dreingenäht, und jeder Nadelstich war ein Gebet.

Dein Nam ist drinnen so viel tausendmal und Lieb und Treu und leiser Stunden Qual.

Nun hab ich dich mit ihm zum fest geschmückt, an deiner Hand der Herrgott mich beglückt.

In diesem Hemd will ich dich glücklich sehn, solang dich Gott auf dieser Erd lässt gehen.

Für Zucht und Reinheit steh in ihm auf Wacht, in diesem Hemd sei heilig jede Schlacht.

Vergiss es nicht: ein jeder Nadelstich war Lieb und Treu und ein Gebet für dich.

 

Das folgende Gedicht widerspiegelt eine hohe Ehrfurcht vor dem Ehrenkleid, das ein sächsischer Bauer als Kirchentracht aber zugleich als Verpflichtung zu tragen pflegte ...

 

Siebenbürgischer Kirchenpelz

Zum ersten Male hast du angelegt, das heil'ge Kleid, das nur der Bauer trägt,

zu deines Lebens feierliche Stund wo dir die Treu verspricht ein junger Mund.

 

Um deine Schultern schließt er sich lang und hell edel verbrämt mit silbrigem Otternfell.

 

So trugen ihn Geschlechter um Geschlecht, ein Recht dem Mann,

verwehrt dem led'gen Knecht.

 

So trag auch du ihn in der Jahre Kreis, so lang du lebst, zu deiner Heimat Preis.

Bei jedem Kirchgang mahn er dich aufs neu mit reinem Glanz der ehelichen Treu.

 

Er sei dir heilig bis zum letzten Tag, weil Gottes Wohlgefallen stets auf ihm lag.

 

Betrachtet man Wolfs Werk, stellt man fest, dass er verwurzelt in unerschütterlichem Glauben, eingebettet in das Dorfleben eines Siebenbürger Sachsen gedacht und geschrieben hat. Aber sein Horizont endete nicht bei den Bergen, die in der auf- und niedergehenden Sonne erglühten. Aufmerksam verfolgte er einen sich anbahnenden Wandel und das heraufziehende Unheil des Krieges, in den viele seiner Jugendfreunde gezogen waren.

 

Im April 1941, als die Deutschen Truppen sich auf den Feldzug gegen Russland vorbereiteten, schreibt Michael Wolf das bereits zitierte Gedicht ...

 

Es ist noch nicht damit getan, dass Fahnen vor uns sind und Zeichen

und uns ein Führer zeigt die Bahn.

Noch spricht uns jede Stunde an: Ihr werdet nie das Ziel erreichen.

In unseren Herzen arm und karg verdorrt das Korn in Neid und Sorgen.

Erst dann, wenn bis hinein ins Mark die Liebe rein, der Glaube stark

wird unsrem Volk der neue Morgen!

 

Im Dezember 1943, als schon mancher seiner Altersgenossen sein Leben an der Front gelassen hatte, schreibt er das Gedicht ...

 

Kriegsadvent

Die Glocke tönt und leise brennt das Licht, zum Himmel heb' ich dankend mein Gesicht,

weil in das Leid, in Hass und Lärm der Welt das Christkind seinen Einzug hält.

 

Er fragt den Kämpfer draußen in der Schlacht: Hast du dein Herz für mich bereit gemacht!?

Neigt sich zum Wunden, schmerzerfüllt und bleich: Sehnst du dich, Bruder, nach dem Himmelreich!?

 

Die Hand des Sterbenden erfasst er schnell: Ich bin bei dir; fürchte dich nicht, Gesell!

Er kommt zu allen, die verwirrt und irr: Ich seh dirs an, du weißt noch nichts von mir.

Mach auf die Tür, so heiß dein Herz auch brennt, dein König kommt zu dir, es ist Advent!