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Zu seiner um einige Jahre jüngeren Schwester hatte Michael ein geschwisterlich liebevolles Verhältnis. Auch ihr widmete er Gedichte. Eines sei stellvertretend hier genannt ...

 

Im Dämmerschein

In dunkler Stube sitzen wir still,

das Schwesterchen Märchen hören will.

Es hat sich lächelnd an mich geschmiegt,

Erwartung in seinen Augen liegt.

 

Ich tu ihm die goldenen Tore auf:

...die sieben Geißlein kommen zuhauf.

Vom König erzähl ich, der lange gegrollt,

vom Bäumchen, das andere Blätter gewollt.

 

Ich weiß von Hexen und bösen Fraun,

von Kindern, die nachts die Englein schaun.

Da klingt durch den schneidenden Wintersturm

das Abendgeläute vom nahen Turm.

 

Wir beten leise – und sitzen allein

so froh und glücklich im Dämmerschein.

 

Das Leiden bestimmte den Tagesablauf. Seine einstigen Nachbarn, etliche Jahre jünger als er, erzählten mir, dass der junge Michael, von Kindern umgeben, oft auf der Treppe vor seinem Elternhaus gesessen, und sie mit Erzählungen fasziniert hatte.

 

Während seine Altersgenossen am Feld arbeiteten, pflegte er zu lesen. Ernst Wiecherts „Hirtennovelle", so wird berichtet, hatte ihn tief beeindruckt. Der in der Novelle vorkommende Michael zeigt eine geistige Verwandtschaft mit dem jungen Wolf. Wiecherts Michael ist arm, ist einsam aber immer in voller Verantwortung für die ihm anvertraute Herde des Dorfes.

 

In der Novelle lässt ihn Wiechert zum Beschützer der Tiere, später der gesamten Dorfbevölkerung werden. Am Ende stirbt er weil er das Lamm einer armen Dorfbewohnerin vor den räuberischen Kriegern, die das Dorf besetzen, schützen will. Hat sich Michael Wolf in einer ähnlichen Rolle gesehen?

 

Während eine Beziehung zu einem Mädchen nur Wunschtraum bleiben musste, genoss er es, den Kindern aus dem Dorf Windau Vorbild und Erzähler zu sein. Das war für ihn eine kleine Genugtuung für entbehrtes Glück. Als er nicht mehr gehen konnte bekam er ein Gefährt, eine Art Rollstuhl, mit welchem er von Kindern zum Gottesdienst gezogen wurde.

 

In der Kirche und bei Gott fand er Trost, Kraft und Zuversicht in seinen Entbehrungen und Leiden. Er klagte und anklagte nicht. Seine Verse sind von Lob und Dank erfüllt. Er weiß, was er Gott, seinen Eltern, dem Dorf und insbesondere der Bibel und der Kirche verdankt ...

 

Verzage nicht

Mein Herz verzage nicht, wenn Gott ein Leid dir sendet,

und mancher sein Gesicht, sein Lieben von dir wendet.

Sei stark und unverzagt, wenn sie dich von sich weisen,

wer es mit Gott gewagt, muss auch das Dunkel preisen.

 

Blick gläubig himmelwärts auf deinen harten Wegen;

du darfst an Gottes Herz mit allem Leid dich legen.